Alle Artikel mit dem Schlagwort: tagebuch

It is a day turn’d strangely.

Ich lese „Du sollst dein Leben schreiben – die norwegische Gegenwartsliteratur pendelt zwischen Ich-Sezierung und Welterkundung“ und attestiere dem Autor einen Dachzeilenschaden. Ich lache darüber, dass in Dänemark ernsthaft gefragt wurde, ob sich Literatur eigentlich mit etwas anderem beschäftigen darf als mit der Klimakrise. Wenn es stimmt, dass in Schweden manche die Literatur in der Pflicht sehen, aus den „Lesern“ bessere Menschen zu machen, werde ich solange schwedische Hörbücher produzieren, bis auch das letzte noch lesenden Auge von einem Blinden geöffnet wurde. Und in Norwegen? – fragt der Schreiberling und antwortet prompt: Da schreiben die Autoren mit Begeisterung über sich selbst. Unterste Zeile, oder? Immerhin: Ich weiß nun endlich, wo all die wunderbaren Täter, verwüsteten Opfer und kaputte Kriminalisten dieser Welt verbannt werden. Auf dem Spielplatz vor unserem Haus jammert gerade ein Kind. Mir ist langweilig. Im Fernsehen würde sicher nichts laufen. Handke macht Täter zu Opfern. Debatte um den Nobelpreis für Peter Handke. Wer Handke Kriegstreiber nennt, hat ihn nicht richtig gelesen. Kommentar zum Nobelpreis an Peter Handke. Umgang mit Peter Handke: “Dieses krasse …

Günther Vogler. Radierung. 1945.

April 1945

sonne, sonne, was scheinst du so wild? was wirfst du dein goldrotes glühen über uns hin? die urteile überstürzen sich in blinder hast. der mahlstrom brach sich eine zu breite bahn. schuldig, tot. täglich werden „neue“ eingeliefert. sie sehen uns ehrfürchtig an, um uns „eingesessenen“ spielen schon fast legenden. und doch sind auch wir erst, nach monaten gemessen, eine kurze zeit hier. aber die zeit ist hier ein relativer begriff geworden, das ganze dasein, das private leben, die zukunft. jetzt kann es sich nur noch um wochen handeln, dass dieser totentanz zu ende geht. die schliesser gehen mit weichen knien, sie sind bereit, uns zigaretten zu besorgen, allerdings zu schandbaren preisen. gerüchte schwirren. parolen werden ausgegeben und sofort widerrufen. täglich rollen die großen lastwagen nach tegel, nach plötzensee, nach spandau. der „führer“ soll krank sein, göring in haft, himmler-, mein himmel! es ist alles nicht zu glauben. meine zeichenfeder ruhte in diesen tagen wüster unruhe. die hunderte oder tausende, denn keiner weiss, wie viele seeelen zwischen diesen mauern noch sind, sind wie ein riesiger wurm, …

Alexander Krug

20. Oktober 2019

Der Sitz der Phantasie ist zugleich der Sitz der Furcht, unlösbar miteinander verknüpft dieses ich, das schon immer Angst und Grauen zugleich war und mich maßlos (zer)schreiben lässt. Meine Besessenheit, wenn grauer Stadtschleier meinen Kopf durchwölkt. Wenn keine Minute vergeht, in der ich mir nicht oft genug: nach vorne! sage, fliehe, umspült werde und dann bin: Buchstabe, Silbe, Wort- und ich erinnere mich an vorletzte Woche, als ich verlassen hatte, was ich will; ein paar Satzkompositionen dachte, solche, die geschehen werden. Und ich gehe hinmorgens durch das sanft der Tagebücher, die mich haben aufsteigen lassen, in Richtung Feld haben aufsteigen lassen, in Richtung meines Zeltes haben aufsteigen lassen, da brannte noch das Licht, unter dem wir uns lesend erfreut und beflügelt und bestiegen haben, aber warum nur? Weil du eine Spur im Herzen bist und ich ein wenig nur an dich heran- und nachgegangen bin und es dort vielleicht eine Landschaft zu entdecken gab. Ein sich ausbreitender Nebel über uns, den nenne ich Sinnantibeispiel und der ist kaum und wird dann mehr und nennt sich …