Alle Artikel mit dem Schlagwort: journal

Hoffnung trägt Hut

Hoffnung.

“Sogenannte Blaulichthemen, also Polizeieinsätze, Gasexplosionen oder Dorfschlägereien laufen ja eh immer gut, ebenso Neuigkeiten in den Bereichen Netzausbau oder geplante Verbindungen und Verbesserungen der Deutschen Bahn – eigentlich jeder noch so kleine, infrastrukturelle Hoffnung spendende Nebensatz der der Pressemitteilung eines Großkonzerns entstammt, lässt die Auflage für den jeweiligen Tag steigen. Aus diesem Grund nennen wir dieses Zimmer hier”, er blieb kurz stehen, drehte sich zu der Touristengruppe um und zeigte auf eine Tür “im Gegensatz zu dem Newsroom, den Sie im vorherigen Stockwerk sehen konnten, Room of Hope. Alles, was auf den ersten Blick Strukturwandel und im Idealfall davon sogar positiven und Optimismus verbreitenden verspricht, landet hier und wird von Journalisten be- und aufgearbeitet, deren Räuberpistolen zu schlecht für die Bild, aber zu gut für jedes andere Blatt sind.” In diesem Moment, als alle Blicke auf der Glastür lagen, die tatsächlich den, mit höchster Sorgfalt, aufgeklebten Schriftzug “Room of Hope” trug, darüber stand übrigens, in weitaus größeren Lettern, “Redaktion: Wirtschaft”, zerbrach das Glas mit einem großen Knall und abertausende Splitter verteilten sich auf dem Boden …

ich. verdächtigend.

Verdachtsmomente.

Seit Wochen vergeht kein Tag, an dem ich nicht wenigstens für eine Sekunde an den eigenen Tod denke. Dieses sich dem Phänomen des eigenen Todes nähern und sich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, dem eigenen Tod in einer Art und Weise stellen, als wäre dieser in solchen Augenblicken mehr als etwas naturgemäß Unausweichliches, sondern als wäre der Tod das unausweichliche Hier und Jetzt, liegt in einem Verdacht begründet, der ein unmittelbarer, ein spürbar um die Ecke lauernder ist. Doch kann ich noch so flink hochschnellen, die Ecke ist immer schon verlassen und der Verdacht hat sich verflüchtigt. Der Moment, wenn ich mich dann wieder an den Schreibtisch setze, gibt sich mir immer als etwas Unwirkliches, zugleich auf eine immer wieder neu zu erlebende und radikale Weise widerlich real. Dieses tägliche Schauspiel lässt mich aus allen möglichen Welten in einen nahezu undurchdringlichen Nebel, in eine Art Panik fallen, die mir zugleich unbedingten Überlebenswillen lehrt. Nur langsam, wenn ich wieder sitze und schreibe, nimmt der Druck in der Brust ab und der Kopf kühlt sich …

der mund ist die wunde des alphabets

Der Mund ist die Wunde des Alphabets.

Meine Mutter verlor Ihren einzigen Sohn schon vor der Geburt. Sie war fest davon überzeugt, meinen Vater durch mich fest an sich binden zu können. Zweimal hatte Sie schon – auf sein Drängen hin – abgetrieben. Ich bin kein Akt der Liebe, sondern eine gescheiterte Erpressung. Was mein Vater ihr nach Bekanntwerden der Schwangerschaft versprach, war nichts als ein ausklingendes Echo gewesen, das am Tag meiner Geburt endgültig verhallte. Als sie dies begriffen hatte, verlor ich die für mich vorgesehene Funktion und schon kurz darauf verbrachte ich die Tage bei meinen Großeltern, die Nächte sollten schon alsbald folgen. In Kästners Gang vor die Hunde fragt sich Fabian, der Protagonist, wo, angenommen, er sei wirklich der Träger einer Funktion, das System ist, in dem er funktionieren kann – es ist nicht da, und nichts hat Sinn. Es gibt wohl kaum ein Werk, dass mir so nahe steht, wie dieses. Der Gang vor die Hunde ist mir schon im ersten Semester meines Germanistikstudiums ein guter Freund geworden. Nun, fünfzehn Jahre später, passt zwischen uns kein Blatt Papier. …

Luisa. Noten.

Sekunde durch Hirn.

Im Juni 1963 hatte Peter Handke die Gewissheit, »das Schreiben, Aufschreiben, Verknüpfen, Unverknüpftlassen ist mein möglicher Beruf«. Ich sitze auf meinem Sofa und bin froh, dieses Zitat gefunden zu haben. Es erleichtert mir den Einstieg in einen Text, den ich in einem Zustand verfasse, in dem mich langsam die Möglichkeit des Ausstiegs aus meinem Leben verlässt. Ich schreibe hochverschuldet. Ich schreibe und entziehe dabei. Ich schreibe auf dem Sofa sitzend. Ich schreibe und schaue nebenbei nicht die Serie, die im Hintergrund läuft. Ich schreibe keine Bewerbung der fünf Bewerbungen pro Tag, die folgen noch. Ich schreibe schon lange und ich habe mit dem Schreiben viele Jahre mein Geld verdient. Das Schreiben scheint ein möglicher Beruf zu sein. Ich schreibe nicht zuletzt aus diesem Grund meine Bewerbungen auf Stellen, die die Tätigkeit des Schreibens beinhalten. Aber es ist nie Schreiben, so wie ich es betreibe, auch jetzt. Es ist nicht das zitierte Schreiben, Aufschreiben, Verknüpfen und Unverknüpftlassen. Und ob mein Augenblickliches das zitierte Schreiben, Aufschreiben, Verknüpfen und Unverknüpftlassen ist, wage ich nicht zu beurteilen. Es kann …

Er schlug meinen Körper voran

ER SCHLUG MEINEN KÖRPER IMMER WEITER VORAN

bis ich an der kalkfarbenen Wand zum stehen kam. Sein Atem zerstob an meinem Gesicht. Nur mit Mühe konnte ich an seiner Fratze vorbei, in den Ausgang der ehemaligen Untergrundbahn gucken, aus dem heraus ich die Schemen der feuernden Kraftwerke wahrnehmen konnte. Du bist hier, um deine Verbrechen zu gestehen, schrie er mich an. Du hast alles zu gestehen! Einer unüberwindbaren Felswand gleich stellte er sich vor mir auf. Sein schwerer Mantel war mit dem glühenden Weiß frischen Eises überzogen. Gestehen, was? Ein weiterer, schwerer Schlag in meinen Magen. Sanft fiel der Schnee von seinen Schultern. Deine Verbrechen gestehen sollst du, schrie er und versuchte mit seinem Blick mein Schädelinneres zu zertrümmern. Deine Verbrechen gestehen! Ein Geständnis will ich hören! Er ging einen Schritt zurück und ich sackte zusammen. Ich versuchte Zeit zu schinden, versuchte Klarheit über mich selbst finden. Ich musste verstehen, wie ich hierhergekommen bin. Er ging wieder auf mich zu, zog mich an meinem Überwurf nach oben, presste seine Hand in mein Gesicht und mein Gesicht in die frostige Wand. Gestehen musst …

verstörend schöner weiblicher akt in rot

Ende Neu.

Nachdem ich eine Erzählung beendet, oder zumindest einen Punkt erreicht habe, der mir das Gefühl eines geglückten Arbeitstages gibt, erwächst in mir eine Leere wie nur irgendwas. Ich lege diese – egal ob es die abgeschlossenen oder die auf einen guten Weg gebrachten Texte sind – zur Seite und verabschiede mich für ein paar Stunden von ihnen, manchmal auch für ein paar Jahre. Hat man sich einmal für diesen Beruf entschlossen… nein: Hat der Beruf sich für dich entschlossen, weißt du, wie viel Zeit und Ruhe eine Erzählung braucht, die während deiner Abwesenheit über dich richten wird. Du gehst raus auf die Straße, arrangierst dich mit dem beginnenden Winter und suchst einen Ort auf, der seit fast 40 Jahren ununterbrochen die Art von Menschen beherbergt, die deiner Kunst zu Fressen geben. Du bestellst ein Bier und schon beim ersten Schluck wirst du ungeduldig und fragst dich, ob du nicht doch eher so etwas wie ein Fertig- als ein Schriftsteller bist. So auch bei diesem kurzem Text, begonnen um 6 Uhr nach einem Spaziergang. Ich hatte …