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Günther Vogler – Tanzende

Dem Tagebuch vorangestellt

  Wenn einst dies Geschlecht sich gereinigt von Schande vom Nacken geschleudert die Fessel des Fröners nur spürt im Geweide den Hunger nach Ehre: dann wird auf der Walstatt voll endloser Gräber aufzucken der Blutschein. Dann jagen auf Wolken lautdröhnende Heere dann braust durchs Gefilde der schrecklichste Schrecken der dritte der Stürme: DER TOTEN ZURÜCKKUNFT. Stefan George

Günther Vogler. Radierung. 1945.

April 1945

sonne, sonne, was scheinst du so wild? was wirfst du dein goldrotes glühen über uns hin? die urteile überstürzen sich in blinder hast. der mahlstrom brach sich eine zu breite bahn. schuldig, tot. täglich werden „neue“ eingeliefert. sie sehen uns ehrfürchtig an, um uns „eingesessenen“ spielen schon fast legenden. und doch sind auch wir erst, nach monaten gemessen, eine kurze zeit hier. aber die zeit ist hier ein relativer begriff geworden, das ganze dasein, das private leben, die zukunft. jetzt kann es sich nur noch um wochen handeln, dass dieser totentanz zu ende geht. die schliesser gehen mit weichen knien, sie sind bereit, uns zigaretten zu besorgen, allerdings zu schandbaren preisen. gerüchte schwirren. parolen werden ausgegeben und sofort widerrufen. täglich rollen die großen lastwagen nach tegel, nach plötzensee, nach spandau. der „führer“ soll krank sein, göring in haft, himmler-, mein himmel! es ist alles nicht zu glauben. meine zeichenfeder ruhte in diesen tagen wüster unruhe. die hunderte oder tausende, denn keiner weiss, wie viele seeelen zwischen diesen mauern noch sind, sind wie ein riesiger wurm, …