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Luisa im Sofa.

November

Es gibt mitunter recht intelligente Menschen hier, man darf sich nur nicht von den Spastiken ablenken lassen, die der Affe regiert, ebensowenig von den offenen Beinen, der Hepatitis C, der Aura des Todes, die den einen oder anderen Wartende irgendwie halbherzig – der Tod ist ein Meister aus Ungeduld – umgibt. Es ist Samstag, kurz vor acht in der Früh und ich bin in wieder in der Wärme, kaffeetrinkend, rauchend, in meiner Wohnung, die ich mein Zuhause nenne, ein sich jeden Tag erweiternder Begriff, dessen Bewegung mir die nun wieder in alle Richtungen ausströmenden, zur Droge, dem Tode und Grips Verurteilten lehren. Zwischen den auf dem Boden gebliebenen und auf demselben schlafen müssenden und meiner beheizten Wohnung liegt ein Café, das die besten Franzbrötchen Berlins verkauft. Das sagt sich leicht, wenn man nicht jede noch so kleine Backstube besuchen will und dabei zwar die Kontrolle über sein Leben zurückerlangt, aber eine sehr spezielle und mich unangenehm berührende. Ich stehe also zu meiner Behauptung, schlafe lieber nur zwei Stunden, als dass ich mir das warme Franzbrötchen …

Günther Vogler. Radierung. 1945.

April 1945

sonne, sonne, was scheinst du so wild? was wirfst du dein goldrotes glühen über uns hin? die urteile überstürzen sich in blinder hast. der mahlstrom brach sich eine zu breite bahn. schuldig, tot. täglich werden „neue“ eingeliefert. sie sehen uns ehrfürchtig an, um uns „eingesessenen“ spielen schon fast legenden. und doch sind auch wir erst, nach monaten gemessen, eine kurze zeit hier. aber die zeit ist hier ein relativer begriff geworden, das ganze dasein, das private leben, die zukunft. jetzt kann es sich nur noch um wochen handeln, dass dieser totentanz zu ende geht. die schliesser gehen mit weichen knien, sie sind bereit, uns zigaretten zu besorgen, allerdings zu schandbaren preisen. gerüchte schwirren. parolen werden ausgegeben und sofort widerrufen. täglich rollen die großen lastwagen nach tegel, nach plötzensee, nach spandau. der „führer“ soll krank sein, göring in haft, himmler-, mein himmel! es ist alles nicht zu glauben. meine zeichenfeder ruhte in diesen tagen wüster unruhe. die hunderte oder tausende, denn keiner weiss, wie viele seeelen zwischen diesen mauern noch sind, sind wie ein riesiger wurm, …