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ich. verdächtigend.

Verdachtsmomente.

Seit Wochen vergeht kein Tag, an dem ich nicht wenigstens für eine Sekunde an den eigenen Tod denke. Dieses sich dem Phänomen des eigenen Todes nähern und sich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, dem eigenen Tod in einer Art und Weise stellen, als wäre dieser in solchen Augenblicken mehr als etwas naturgemäß Unausweichliches, sondern als wäre der Tod das unausweichliche Hier und Jetzt, liegt in einem Verdacht begründet, der ein unmittelbarer, ein spürbar um die Ecke lauernder ist. Doch kann ich noch so flink hochschnellen, die Ecke ist immer schon verlassen und der Verdacht hat sich verflüchtigt. Der Moment, wenn ich mich dann wieder an den Schreibtisch setze, gibt sich mir immer als etwas Unwirkliches, zugleich auf eine immer wieder neu zu erlebende und radikale Weise widerlich real. Dieses tägliche Schauspiel lässt mich aus allen möglichen Welten in einen nahezu undurchdringlichen Nebel, in eine Art Panik fallen, die mir zugleich unbedingten Überlebenswillen lehrt. Nur langsam, wenn ich wieder sitze und schreibe, nimmt der Druck in der Brust ab und der Kopf kühlt sich …

Er schlug meinen Körper voran

ER SCHLUG MEINEN KÖRPER IMMER WEITER VORAN

bis ich an der kalkfarbenen Wand zum stehen kam. Sein Atem zerstob an meinem Gesicht. Nur mit Mühe konnte ich an seiner Fratze vorbei, in den Ausgang der ehemaligen Untergrundbahn gucken, aus dem heraus ich die Schemen der feuernden Kraftwerke wahrnehmen konnte. Du bist hier, um deine Verbrechen zu gestehen, schrie er mich an. Du hast alles zu gestehen! Einer unüberwindbaren Felswand gleich stellte er sich vor mir auf. Sein schwerer Mantel war mit dem glühenden Weiß frischen Eises überzogen. Gestehen, was? Ein weiterer, schwerer Schlag in meinen Magen. Sanft fiel der Schnee von seinen Schultern. Deine Verbrechen gestehen sollst du, schrie er und versuchte mit seinem Blick mein Schädelinneres zu zertrümmern. Deine Verbrechen gestehen! Ein Geständnis will ich hören! Er ging einen Schritt zurück und ich sackte zusammen. Ich versuchte Zeit zu schinden, versuchte Klarheit über mich selbst finden. Ich musste verstehen, wie ich hierhergekommen bin. Er ging wieder auf mich zu, zog mich an meinem Überwurf nach oben, presste seine Hand in mein Gesicht und mein Gesicht in die frostige Wand. Gestehen musst …

SELBSTGESPRÄCH

Dialoge

Dekorativ, aber nicht praktikabel. Dennoch weicht der Autor von dieser Marotte nicht ab. Er mag den Gedanken der zusätzlichen Zerstreuung eben dieser durch die Benutzung unterschiedlichster Gedankenauffangapparate. Ach, wie herrlich unübersichtlich früher schon ein Blatt Papier sein konnte – nun also die größtmögliche Verwirrung; und Frechheit, fantasiert man sich eine interessierte Nachwelt herbei.

Luisa im Sofa.

November

Es gibt mitunter recht intelligente Menschen hier, man darf sich nur nicht von den Spastiken ablenken lassen, die der Affe regiert, ebensowenig von den offenen Beinen, der Hepatitis C, der Aura des Todes, die den einen oder anderen Wartende irgendwie halbherzig – der Tod ist ein Meister aus Ungeduld – umgibt. Es ist Samstag, kurz vor acht in der Früh und ich bin in wieder in der Wärme, kaffeetrinkend, rauchend, in meiner Wohnung, die ich mein Zuhause nenne, ein sich jeden Tag erweiternder Begriff, dessen Bewegung mir die nun wieder in alle Richtungen ausströmenden, zur Droge, dem Tode und Grips Verurteilten lehren. Zwischen den auf dem Boden gebliebenen und auf demselben schlafen müssenden und meiner beheizten Wohnung liegt ein Café, das die besten Franzbrötchen Berlins verkauft. Das sagt sich leicht, wenn man nicht jede noch so kleine Backstube besuchen will und dabei zwar die Kontrolle über sein Leben zurückerlangt, aber eine sehr spezielle und mich unangenehm berührende. Ich stehe also zu meiner Behauptung, schlafe lieber nur zwei Stunden, als dass ich mir das warme Franzbrötchen …