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Hoffnung trägt Hut

Hoffnung.

“Sogenannte Blaulichthemen, also Polizeieinsätze, Gasexplosionen oder Dorfschlägereien laufen ja eh immer gut, ebenso Neuigkeiten in den Bereichen Netzausbau oder geplante Verbindungen und Verbesserungen der Deutschen Bahn – eigentlich jeder noch so kleine, infrastrukturelle Hoffnung spendende Nebensatz der der Pressemitteilung eines Großkonzerns entstammt, lässt die Auflage für den jeweiligen Tag steigen. Aus diesem Grund nennen wir dieses Zimmer hier”, er blieb kurz stehen, drehte sich zu der Touristengruppe um und zeigte auf eine Tür “im Gegensatz zu dem Newsroom, den Sie im vorherigen Stockwerk sehen konnten, Room of Hope. Alles, was auf den ersten Blick Strukturwandel und im Idealfall davon sogar positiven und Optimismus verbreitenden verspricht, landet hier und wird von Journalisten be- und aufgearbeitet, deren Räuberpistolen zu schlecht für die Bild, aber zu gut für jedes andere Blatt sind.” In diesem Moment, als alle Blicke auf der Glastür lagen, die tatsächlich den, mit höchster Sorgfalt, aufgeklebten Schriftzug “Room of Hope” trug, darüber stand übrigens, in weitaus größeren Lettern, “Redaktion: Wirtschaft”, zerbrach das Glas mit einem großen Knall und abertausende Splitter verteilten sich auf dem Boden …

Er schlug meinen Körper voran

ER SCHLUG MEINEN KÖRPER IMMER WEITER VORAN

bis ich an der kalkfarbenen Wand zum stehen kam. Sein Atem zerstob an meinem Gesicht. Nur mit Mühe konnte ich an seiner Fratze vorbei, in den Ausgang der ehemaligen Untergrundbahn gucken, aus dem heraus ich die Schemen der feuernden Kraftwerke wahrnehmen konnte. Du bist hier, um deine Verbrechen zu gestehen, schrie er mich an. Du hast alles zu gestehen! Einer unüberwindbaren Felswand gleich stellte er sich vor mir auf. Sein schwerer Mantel war mit dem glühenden Weiß frischen Eises überzogen. Gestehen, was? Ein weiterer, schwerer Schlag in meinen Magen. Sanft fiel der Schnee von seinen Schultern. Deine Verbrechen gestehen sollst du, schrie er und versuchte mit seinem Blick mein Schädelinneres zu zertrümmern. Deine Verbrechen gestehen! Ein Geständnis will ich hören! Er ging einen Schritt zurück und ich sackte zusammen. Ich versuchte Zeit zu schinden, versuchte Klarheit über mich selbst finden. Ich musste verstehen, wie ich hierhergekommen bin. Er ging wieder auf mich zu, zog mich an meinem Überwurf nach oben, presste seine Hand in mein Gesicht und mein Gesicht in die frostige Wand. Gestehen musst …

Ursache. In Klammern gesetzt.

Der US-Mathematiker Marvin Minsky war sich schon vor mehr als sechzig Jahren sicher, dass Maschinen so manche der vom menschlichen Gehirn vollbrachten Leistungen übernehmen könnten. Er hat recht behalten. Computersysteme ahmen die menschliche Intelligenz nach, indem sie aus Informationen Handlungen ableiten. Mithilfe neuronaler Netze können sie dabei das bereits Erlernte mit stets neuen Inhalten verbinden. Experten sprechen von Deep Learning. Roboter werden so zu Mitarbeitern. Die Technik macht es möglich, dass sich Maschinen mit anderen vernetzen und Programme blitzschnell Bilder oder Texte auswerten. Die Zahl solcher Anwendungen nimmt auch deshalb zu, weil immer mehr Daten generiert werden, deren Verfügbarkeit zwingende Voraussetzung für innovative KI-Anwendungen ist. Deutschland droht im Rennen um die Anwendungen dieser Zukunftstechnologie den Anschluss zu verlieren. Dennoch: Es tut sich bundesweit etwas. Insbesondere überall da, wo an den Hochschulen die führenden Köpfe ausgebildet werden, was aber nicht zwingend garantiert, dass diesen Köpfen auch tatsächlich zukunftsfähige Konzepte entspringen, wie zu Beispiel den Entwicklern des Heliograf, dem Roboterreporter der Washington Post, der im vorangegangenen Jahr rund 850 Artikel produziert hat. Darunter befanden sich 500 Artikel, …

Luisa im Sofa.

November

Es gibt mitunter recht intelligente Menschen hier, man darf sich nur nicht von den Spastiken ablenken lassen, die der Affe regiert, ebensowenig von den offenen Beinen, der Hepatitis C, der Aura des Todes, die den einen oder anderen Wartende irgendwie halbherzig – der Tod ist ein Meister aus Ungeduld – umgibt. Es ist Samstag, kurz vor acht in der Früh und ich bin in wieder in der Wärme, kaffeetrinkend, rauchend, in meiner Wohnung, die ich mein Zuhause nenne, ein sich jeden Tag erweiternder Begriff, dessen Bewegung mir die nun wieder in alle Richtungen ausströmenden, zur Droge, dem Tode und Grips Verurteilten lehren. Zwischen den auf dem Boden gebliebenen und auf demselben schlafen müssenden und meiner beheizten Wohnung liegt ein Café, das die besten Franzbrötchen Berlins verkauft. Das sagt sich leicht, wenn man nicht jede noch so kleine Backstube besuchen will und dabei zwar die Kontrolle über sein Leben zurückerlangt, aber eine sehr spezielle und mich unangenehm berührende. Ich stehe also zu meiner Behauptung, schlafe lieber nur zwei Stunden, als dass ich mir das warme Franzbrötchen …