Charaktere, Manuskript, Material

Hoffnung.

Hoffnung trägt Hut

“Sogenannte Blaulichthemen, also Polizeieinsätze, Gasexplosionen oder Dorfschlägereien laufen ja eh immer gut, ebenso Neuigkeiten in den Bereichen Netzausbau oder geplante Verbindungen und Verbesserungen der Deutschen Bahn – eigentlich jeder noch so kleine, infrastrukturelle Hoffnung spendende Nebensatz der der Pressemitteilung eines Großkonzerns entstammt, lässt die Auflage für den jeweiligen Tag steigen. Aus diesem Grund nennen wir dieses Zimmer hier”, er blieb kurz stehen, drehte sich zu der Touristengruppe um und zeigte auf eine Tür “im Gegensatz zu dem Newsroom, den Sie im vorherigen Stockwerk sehen konnten, Room of Hope. Alles, was auf den ersten Blick Strukturwandel und im Idealfall davon sogar positiven und Optimismus verbreitenden verspricht, landet hier und wird von Journalisten be- und aufgearbeitet, deren Räuberpistolen zu schlecht für die Bild, aber zu gut für jedes andere Blatt sind.” In diesem Moment, als alle Blicke auf der Glastür lagen, die tatsächlich den, mit höchster Sorgfalt, aufgeklebten Schriftzug “Room of Hope” trug, darüber stand übrigens, in weitaus größeren Lettern, “Redaktion: Wirtschaft”, zerbrach das Glas mit einem großen Knall und abertausende Splitter verteilten sich auf dem Boden zwischen der erschrockenen Besuchergruppe und dem Chefredakteur, der während den vielleicht zehn Sekunden zwischen Alexanders Auftritt und Abgang keine Miene verzog, seinem Angestellten sogar noch ein Tempo für die blutende Nase in die Hand drückte. “Danke Chef!”, antwortete Alexander, raffte die Ärmel hoch und stieg zurück in den “Room of Hope”. “Sie sehen…”, der Chefredakteur wartete kurz bis die ersten Münder sich wieder geschlossen hatten und setzte nochmal, diesmal etwas bestimmter, an: “Sie sehen, es gibt weitaus trockenere Ressorts als das der Wirtschaft. Gehen wir nun weiter.”
Die Gruppe durchschritt das Meer aus Splittern, versuchte dabei einen Blick in den “Room of Hope” werfen, doch die Protagonisten schienen ihren Streit in einen Nebenraum und auf ein rein sprachliches Gefecht verlagert zu haben. Jemand sagte noch irgendwas wie “… wenn wir das morgen bringen, stehen dort übermorgen schon drei Hotels.” “Und wenn nur eins davon gut genug ist, als dass ich nicht die ganze Zeit pendeln muss, sondern mich auf Spesen dort unter der Woche niedersaufen kann, hat sich der Artikel schon gelohnt”, sagte Alexander und versuchte dabei sein Nasenbluten zu stoppen. “Und mein Schwiegervater ist all sein Geld los.” “Mein Gott! Nach über dreißig Jahren sollte das einen ostdeutschen Bauunternehmer doch wohl nicht mehr aus der Bahn werfen.” “Glaub mir, er hätte sich schon längst vor eine geworfen, wenn es denn eine gäbe.” Der Doktor spuckte auf ein Tuch, griff Alexanders Gesicht, der versuchte, sich mit allen Mitteln gegen die Reinigung zu wehren. Nur, der Doktor war kräftiger. “Komm jetzt”, sagte dieser. “Fegen wir den Scherbenhaufen wieder zusammen.” “Gute Idee, bei wem fangen wir an?” “An den Alten kommen wir nicht ran. Selbst zur Sonntagsausgabe schafft er es, mindestens eine Führung zu organisieren.” “Das perfekte Human Shield.” “Absolut.” “Dann fahren wir zur Druckerei rüber. Da soll ein neuer sein, frisch aus dem Bau. Vormals Profifälscher, jetzt ausgebildeter Druckmeister. Mit viel Glück kommen wir ja so an einen Vorschuss.” “Ein Versuch ist es wert.” Sie packten ihre Sachen und kletterten durch das Loch der ehemals verglasten Tür in den Flur. Da kam Frau Stein um die Ecke, sah die beiden, wie sie gebückt durch die Türfassung in den Flur stiegen und ließ vor Schreck einen Stapel Akten fallen. “Um Himmels Willen, was ist denn hier passiert?” “Die Wirtschaft liegt am Boden”, sagte Alexander und setzte sich den Hut auf. “Der hier muss noch redigiert werden!” Er legte zwei Seiten zu den anderen Papieren auf dem Boden. “Habe die Ehre.” Die beiden zogen ihre Hüte zum Gruß, bogen kichernd um die Ecke, wohlwissend, dass Sie soeben eine Story freigegeben haben, die die alte Dame aus den Schulranzen dieses Landes in die Bedeutungslosigkeit katapultieren würde. “Die Pennäler wird’s freuen”, sagte der Doktor. Alexander hakte sich ein und beide verließen pfeifend die Redaktion in Richtung Druckerei.