journal, Material, Werkstattbuch, Zerstreuung

Über die Sucht, den passenden Ausdruck zu finden.

die sucht zum ausdruck

Wenn ich aufstehe, mich an die Arbeit mache und an eine Geschichte wage, habe ich erstmal – erstmal: kleines Wort, hinter dem sich Jahre verstecken können – keine genaue Vorstellung davon, was ich erzählen will. Ich weiß nur, dass schon am Morgen die Gefahr eines sich über den beginnenden Tag legenden und diesen lähmenden Schocks besteht, ein Zustand, der auch vor meinem Körper nicht Halt macht, sollte ich mir nicht die Zeit und den Mut zum Versuch geben.
Ich hatte schon viele solcher zerschockten Tage und empfinde mich gerade heute an einem Scheidepunkt angelangt: raubt man mir – oder raube ich mir selbst – die „Versuchszeit“, werden die weltbildenden Teile nicht mehr ausreichend mit Wort- und damit der Selbst- und damit der Dichfindung versorgt, droht der größte aller Kreisläufe zu versagen. Aufgrund des Bildverlustes kann es rasch zu dem eingangs beschriebenen Schocks kommen. Ist dieser Zustand erstmal eingetreten, stimmen die Verhältnisse nicht mehr, weder die großgesellschaftlichen noch das größere, das Verhältnis zu Dir – von dem Unverhältnis, das ich mir gegenüber pflege, will ich gar nicht erst anfangen zu schreiben. Die Seele schaltet anschließend auf eine Art Notprogramm um, laut Beipackzettel ausschließlich abwärts, in eine ungeahnte Stille – Nebenwirkungen: flauer Magen oder bei einem von Hunderttausend das Steckenbleiben auf Tiefenmeter Vier, nicht schlafend, nicht wachend und in Hörweite zur dumpfen Welt. Für Stunden vernahm ich das Rieseln einer guten Erde auf dünnem Holz, Menschengemurmel im Hintergrund.
Ich verabscheue das Wort Seelenheil aus Gründen, die des Erzählens nicht wert sind. Ich weiß aber um den Wert der Worte, die mir ein ein und alles sind, würden wir alle doch ohne sie nicht existieren. Ich wache auf und erzähle. Dass ich keine genaue Vorstellung von dem was oder wie, sondern nur von dem das habe, spüre ich auch durch eine allmorgendliche Demut, die mir eigentlich schon fast Hörigkeit ist: Das fremdgesteuerte: Du musst! lässt mich gleich nach dem ersten Augenaufschlag aus dem Bett rausspringen und in die erste Einsamkeit des Tages hineinfallen, wo es mich an- und sicher auch auspeitscht. Ich beschäftige mich auch nicht mit der Frage, wie ich das zu Erzählende erstmal angemessen formulieren und, sollte ich mich zu einer Veröffentlichung entscheiden – strukturieren, also es euch verständlich machen soll, was ja eigentlich eh ein großer Scheiß ist: Ließ mich oder ließ mich nicht, basta (schrieb ich, und legte damit gerade etwas beiseite, ich weiß nicht… vielleicht die Rente… ich werde schreiben, ihr werdet dann sehen). Meistens setze ich mich hin, fange an zu schreiben und spekuliere auf sich ergebende Muster und Strukturen, aber eher noch auf sich wiederholende Motive, die mich jeden Tag dem einem großen, alles umfassenden näherkommen lassen, das manch einer Wahrheit nennen würde – ich aber nicht; die Idiotie überlasse ich anderen. Das Ergebnis ist nicht zwingend – auch wenn man es vermuten mag – ein einzig großes Durcheinander, das mich, dem man soeben sein täglich Wort zu fressen gab, vor ein Erkenntnisrätsel stellt.Verständnis follows einer Form, die – immer wieder neu – mir das Augenblicksverständnis meiner Innen- und Außenwelt im vollzogenen Schreibakt lehrte und nun in Poesie, dem kleinen Büchlein namens „Welt“ zerfällt, und nun also bin ich Leser geworden, der entwirren wird, was jeden Tag aufs Neue entwirrt werden muss,
der das Haus nun verlässt, um einen Kaffee zu trinken und dies doch eigentlich gar nicht nötig hat, dementsprechend etwas testet: Habe ich genug geschrieben, als dass ich mein Heute entziffern und erkennen kann…
Gestern habe ich gelesen, dass unser Gehirn die Ordnung immer der Unordnung vorzieht und sich im ständigen Versuch wiederfindet, das Chaos der Wahrnehmung irgendwie zu strukturieren. So wie die alten Griechen in den zufällig verstreuten Sternen am Nachthimmel Tiere und Götter erkannten, versucht mein Kopf, der mir gutes Beispiel, da ja ebenso ein Universum ist, auch nach meinen täglichen zu Papier fallenden Weltverständniswörtern in allem, was ich sehe und lese, Strukturen vermutet, Vermeintliche findet und mir eine Geschichte erzählt, die „Mein Tag“ zum Titel hat – man merkt an dieser Stelle, wie klein und auch komplex sich mir das Leben gibt; es ist immer nur der „Tag“ und ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich mit jedem mir zur Verfügung stehenden Wort mir gerade so eine „Stunde“ herbeidichten konnte und danach noch eine und noch eine und noch eine… aber da war ich noch um einiges jünger und wusste vielleicht sogar noch gar nicht um mein Talent bzw. um meine Berufung – um das, was ich jetzt bin, das zwar nicht den Kühlschrank, aber immerhin Seiten befüllt und mit diesen Seiten die Köpfe anderer Menschen, die ich – meiner Ausbildung zum Trotz – eben auch verstehen und nicht mehr belügen lassen und im Idealfall ein Verstehen der Lüge schenken will. Und wenn auch nur ein einziger durch einen Text von mir, sich, seine Umwelt, vielleicht ein kleines Phänomen derselben oder das Große und Ganze, oder für etwas in seinem Leben durch ein Neugewinn von Sätzen aus althergebrachten Wörtern ein bisschen mehr Verständnis entwickelt, so spricht mein Größenwahn: So bin ich einer unter Ihnen. Und dann las ich:
„Dabei herrscht in unserer Vorstellung die Struktur einer Pyramide, die von oben nach unten aufgebaut ist: Ganz oben befindet sich das zentrale Argument, das im Laufe des Textes von immer detaillierteren Unterargumenten und Beispielen belegt wird. Da wir unsere Gedanken automatisch so organisieren, ist es auch für Leser am einfachsten, wenn Texte wie eine logische Pyramide aufgebaut sind.
Hier ein ganz einfaches Beispiel: „Die Sitze waren kalt. Ich wurde fast in eine Schlägerei verwickelt. Italien hat schlecht gespielt. Das war wirklich ein miserables Fußballspiel.“ Diese Story ist ziemlich schlecht strukturiert – am Anfang weiß der Leser nichts mit den kalten Sitzen anzufangen und erst ganz am Ende wird klar, dass hier jemand von einem Abend im Stadion erzählt.“
Aber wer denkt, ich würde an diesem Stück Text nochmal Hand anlegen, der hat sich dieselbe abgeschnitten. Denn die Pyramide findet sich ja in allen existierenden Texten wieder: Wer schreibt, der bleibt. So oder so.