Charaktere, Manuskript, Werkstattbuch

ER SCHLUG MEINEN KÖRPER IMMER WEITER VORAN

Er schlug meinen Körper voran

bis ich an der kalkfarbenen Wand zum stehen kam.
Sein Atem zerstob an meinem Gesicht. Nur mit Mühe konnte ich an seiner Fratze vorbei, in den Ausgang der ehemaligen Untergrundbahn gucken, aus dem heraus ich die Schemen der feuernden Kraftwerke wahrnehmen konnte.
Du bist hier, um deine Verbrechen zu gestehen, schrie er mich an. Du hast alles zu gestehen!
Einer unüberwindbaren Felswand gleich stellte er sich vor mir auf. Sein schwerer Mantel war mit dem glühenden Weiß frischen Eises überzogen.
Gestehen, was?
Ein weiterer, schwerer Schlag in meinen Magen. Sanft fiel der Schnee von seinen Schultern.
Deine Verbrechen gestehen sollst du, schrie er und versuchte mit seinem Blick mein Schädelinneres zu zertrümmern.
Deine Verbrechen gestehen! Ein Geständnis will ich hören!
Er ging einen Schritt zurück und ich sackte zusammen. Ich versuchte Zeit zu schinden, versuchte Klarheit über mich selbst finden. Ich musste verstehen, wie ich hierhergekommen bin.
Er ging wieder auf mich zu, zog mich an meinem Überwurf nach oben, presste seine Hand in mein Gesicht und mein Gesicht in die frostige Wand.
Gestehen musst du! Alles gestehen!
Wo sind die anderen, fragte ich ihn.
Diese Angelegenheit behandeln wir alleine, entgegnete er mir mit unbändiger Wut in der Stimme.
Seine Stimme.
Du hattest recht, sagte ich und nach einer kleinen Pause fügte ich hinzu: Man sollte diese Angelegenheiten niemanden überlassen, der keine Wortgewalt, keine Standfestigkeit hat.
Die Form macht die Härte.
Probek ließ von mir ab, ging ein paar Schritte zurück, griff in seine Manteltasche und zog das kleine Buch heraus, was mir der Bibliothekar mitgegeben hatte. Er warf es mir zu Füßen.
Ich kann dir nichts sagen, was ich nicht weiß, entgegnete ich ihm.
Der Boden fing an zu Beben, Putz rieselte von der Decke. Einer der Versorgungszüge schien sich durch den Schacht zu quälen, deren Ankunft man schon etliche Minuten vorher erahnen konnte.
Zu dick war der Gestank von Zerfall, den sie vor sich herschoben.
Probek wickelte sich seinen Schal um das Gesicht. Jetzt erst sah ich den Fanatismus, sah den Willen, der sich in seinen Augenhöhlen breitgemacht hatte. Das hier war sein letzter Akt als Vernehmer und Richter.
Er trat das Buch näher zu mir.
Jetzt! Gestehe! Du musst alles gestehen! Oder will der Angeklagte Voss etwas bis zuletzt schweigen?
Er schnellte auf mich zu, zog seine Waffe und drückte sie mir fast in das Hirn. Der Gestank des anrollenden Zuges war beißender geworden und vermischte sich mit seinem grausam erregten Atem, der mir scharf in mein Ohr flüsterte:
Du musst jetzt gestehen!
Eine Kachel löste sich von der Decke und zersprang direkt neben uns. Die Splitter tanzten zu dem gellenden Gesang der einfahrenden Bahn.
Ich drückte seine Hand mit letzter Kraft von mir und griff mich in seinem Schal fest. Es lösten sich Schüsse und mit ihnen zwei, drei weitere Kacheln, in deren Splittertanz wir uns einreihten.
Auch Familie, schrie ich ihn an, ist in dieser Welt nicht mehr als eine Haltung, die sich jeder Festlegung verweigert.
Benommen taumelte ich den Bahnsteig entlang, bis ich das Buch wiederfand.
Das rote Signallicht umkreiste meinen Kopf und verschwand schließlich in der Röhre. Und auf dem Gleisbett die Schorfspuren eines zerriebenen Menschen.
Auf bald Probek.
Auf bald.