Material, Notizen, Werkstattbuch, Zerstreuung

Der Versuch eines guten, ehrlichen Textes.

morgensdann

An einem durchschnittlichen Tag überfallen mich zehn Träume, für die ich keine angemessene Sprache finde. Diese Träume entspringen einem tiefen Schatten und berühren mich mit einer erschreckenden Vollkommenheit, obwohl sie weder Form noch Absicht besitzen. Manche erfassen mich am helllichten Tag auf offenster Straße und bedrohen mich mit ihrem zur größtmöglichen Undeutlichkeit entstellten Antlitz. Aber warum?
Mein Beruf ist doch auch der, des endgültigen Entstellers. Ich bin freiberuflicher Gewaltanwender, der ja gar nichts anderes will, als bis zum kleinsten aller Nenner zu skalpieren. Erinnerst du dich an unseren ersten Kuss?Nicht seine kaum aufzuwiegende Stärke lässt uns zu Göttern einer gemeinsamen Welt anwachsen, nicht er schenkt uns das gegenseitige Erkennen, nicht er ist der Beweis für eine Idee, die uns allen inne… nur die absoluten Subtraktion, das immer nur das hässlichste Gedachte sein kann, schenkt dir das mir und uns ein wir und gibt uns von sich und seid’s ihr welche, die begreifen, auch euch ein euch. Oh, für wie viele Menschen der letzte Satz wohl schon ein Akt der größtanzuwendenen Gewalt gewesen ist und doch erst ein kleinster Anfang, ich war noch keine dreiunddreissig, als ich alles wegsezierte, und ob jener Kuss von dieser Welt war? Und ob! Zwei Münzen auf die Augen, eine Überführung in die Lesbarkeit der Welt, das alles auf Rechnung – und Skonto für jeden der künstlert und dichtert und mehr ist nicht drin, einfachstes Abziehen bis der/die/das alle ein Eines zum schwatzen haben, meine Herren. Doch nichts und nichts und auch kein Skonto und ob ich Sie kenne? Jawohl, Herr Kommissar. Nicht von dieser Welt, was? Erstrecht nicht zum Vergnügen hier!
Aber dann gibt es die sich allem verweigernden Träume – Steckschüsse aus dem Hinterhalt. An den Händen der Eumeniden stellte man Schmauchspuren fest. In meinem Notizbuch hingegen pulsierte ein Punkt, der nicht Wort, sondern Strich und – Langsam läuft er das Papier hinab und wird dabei immer feiner – ein Rinnsal Blut, das dem Ausweider Signal geben würde, hey du, es gibt bald wieder Platz für neue geschlossene Hälse, und er wird ein Fest in seinem Kachelraum geben.
Der Reichsverweser wird jetzt werden, wie ich ihn mir immer dachte, doch mein Raum hat keine Kacheln und der sich verfeinernde Lauf der Tinte hat nun schon das Buch übertreten und bahnt sich seinen Weg über den Schreibtisch in Richtung Schreibtischkante und tropft anschließend auf den Boden, auf dem ich liege, einen jeden dieser Tropfen beobachte, der im letzten großen Fallen alle Farben in sich trägt, und die dann doch fast alle bei dem allerletzten Aufprall – bis auf das kalte Kalkweiß der kriminaltechnischen Marker, verliert und die am Boden liegenden, ausgebluteten, von allen unzählbaren Geistern verlassenden und in einem letzten Akt der Formfindung den Liegenden – und damit also mich – für jedwede fort- oder weglaufende Ermittlung umschließt. Ich lese diesen Absatz immer und immer wieder und bin nicht gescheitert, wenn du es liest und du es hörst, erst dann mein Herz war es ein Schrei. Ich bin heute Nacht aufgewacht, es wurde Mondlicht über die Dächer der angrenzenden Häuser geworfen und ich fing ich an zu schreien. Ich rückte mein Gesicht aus dem Mondlicht in den Schatten, aber ich konnte nicht schlafen und lag wach und dachte darüber nach. Ich musste versuchen, mir darüber klar zu werden, aber mir fehlte der dieser Nacht nun vorangestellte Text. Das Leben schien mir heute Morgen noch so einfach zu sein, als ich aufgewacht bin und einen trügerischen Spätherbst vorfand und ausgegangen war, um mir einen Kaffee, eine Packung Zigaretten und einen Tagesspiegel zu kaufen. Aber Berlin ist eine sehr fordernde Stadt, mit einer sehr fordernden Sprache, die immer schon ein Hinterherrennen des städtischen Wachstums, ständige Entwicklung und Anpassung war. Und wir waren jung und schnell überfordert. Und nichts war dort einfach. Nicht einmal Armut, noch plötzliches Geld. Noch das Mondlicht, noch Recht und Unrecht. Noch das Atmen von Jemandem, der mit mir im Mondlicht lag – und das warst meistens ich selbst.