Manuskript, Material

Der Mund ist die Wunde des Alphabets.

der mund ist die wunde des alphabets

Meine Mutter verlor Ihren einzigen Sohn schon vor der Geburt. Sie war fest davon überzeugt, meinen Vater durch mich fest an sich binden zu können. Zweimal hatte Sie schon – auf sein Drängen hin – abgetrieben. Ich bin kein Akt der Liebe, sondern eine gescheiterte Erpressung. Was mein Vater ihr nach Bekanntwerden der Schwangerschaft versprach, war nichts als ein ausklingendes Echo gewesen, das am Tag meiner Geburt endgültig verhallte. Als sie dies begriffen hatte, verlor ich die für mich vorgesehene Funktion und schon kurz darauf verbrachte ich die Tage bei meinen Großeltern, die Nächte sollten schon alsbald folgen. In Kästners Gang vor die Hunde fragt sich Fabian, der Protagonist, wo, angenommen, er sei wirklich der Träger einer Funktion, das System ist, in dem er funktionieren kann – es ist nicht da, und nichts hat Sinn.
Es gibt wohl kaum ein Werk, dass mir so nahe steht, wie dieses. Der Gang vor die Hunde ist mir schon im ersten Semester meines Germanistikstudiums ein guter Freund geworden. Nun, fünfzehn Jahre später, passt zwischen uns kein Blatt Papier. mehr. Es gibt meiner Meinung nach auch kein Buch, das das jetzige Berlin besser beschreibt, als dieser einzige sogenannte Erwachsenenroman Kästners – erstrecht die Rolle des freiberuflichen Werbetexters, die ich viele Jahre mitgespielt habe und die ich nun viele Monate nicht spielen konnte. Diese Monate gaben mir grausam Zeit, mich immer und immer wieder selbst in Bezug auf meine Funktion zu vernehmen. Die mir zugedachte verlor ich noch während ich an der Nabelschnur hing, von der ich bis heute hoffe, sie ließ nicht allzu viel an vergiftetem Charakter in mich hineinfließen. Die wenigstens Embryos sind kunstfertig genug, aus einer Nabelschnur eine soliden Strick zu knüpfen. Ich zumindest war und bin es bis heute nicht. Alles im klassischen Sinne handwerkliche geht mir ab und ich würde, was den Freitod betrifft, allein der Ästhetik wegen andere Mittel vorziehen. Dass ich entgifte bedeutet ja im Umkehrschluss auch nichts anderes, als dass ich die Kunst der eigenen Vergiftung beherrsche. Dies ist aber mehr ein kleines Kunsthandwerk, das ich mir über viele Jahre beigebracht und liebevoll betrieben habe, aber es ist sicherlich nicht meine Funktion, vorausgesetzt ich bin Träger einer solchen, wie mein guter Freund Fabian mir es einst so schön vorformuliert hat.