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Interimserinnerungen.

Ich. Kurz vor dem Ende.

Gestern Abend auf meinem Spaziergang dachte ich an das Kind und an den jungen Mann, zu dem es später herangewachsen war. Ich erinnerte mich an die Zeit, als die Träume dieses jungen Mannes anfingen, sich nicht mehr nur auf den nächsten Tag zu beschränken. An die Phase, in der die Angst langsam von ihm abließ und er aufhörte sich zu fragen, wie er die kommenden vierundzwanzig Stunden in diesem verlassenen Dorf, mit diesem verlassenen Herzen, überleben sollte.
Als ich die Lichter des Kottbusser Damms am Ende der Seitenstraße sah, fing es an zu regnen. Ich überlegte, ob ich schnell zurückgehen sollte, aber da die Verdrängung selten so nachlässig ist, als dass ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnern kann, wollte ich vorerst weitergehen. Das Kopfsteinpflaster wurde glitschig vom Regen. Ich rutschte ein oder zweimal aus und kam dabei einem weiteren Kreis meiner Geschichte – besser: meiner Erzählung – gefährlich nah. Mein Denken im Gehen und mein Nachdenken über mein Denken im Gehen zieht sich – entweder seit ich denken, oder seit ich gehen kann – wie feine Regenfäden durch meine Biografie. Zwei Phänomene, die ich beide in jenem Moment durchwanderte. Ich bin ein täglicher Spaziergänger und Flaneur, selten der große Wanderer aber mit jedem Schritt doch der geistige Entdeckungsreisende, ist das Reisen doch auch eine Loslösung vom eigenen ich. Vielleicht ist meine Bewegung auch einer Hysterie geschuldet, die in der Angst begründet liegt, dass ich keine Funktion in mir entdecke.
Der Regen wurde stärker, kaum auszuhalten, aber dennoch auf eine Weise schimmernd, wie man ihn nur in der Berliner Abenddämmerungen erleben kann. Was vormals ein feiner Regenfaden war, wurden nun zu einer aus großen Tropfen gereepte Schlinge, die sich um nicht schnell genug eingerollte Markisen wickelte und zu Boden zog. Auch mir war so, als legte sich ein beständig stärker werdender Strick um den Hals – der Dichter ist immer auch sein eigener Henker – und glaubte: jetzt also bist du dich los. Trotzdem lebte ich. Und so sehr ich mein Leben als Spaziergänger auch zu schätzen wusste, der Regen wurde in einem Maße unerträglich, wie die mit ihm freigeschürften Erinnerungen an eine Jugend ohne Sinn und ein fortwährendes Leben der Sinn- und der Formsuche.
Ich drehte dem Kottbusser Damm den Rücken zu und kämpfte mich mit über den Kopf gezogener Jacke, fest an die Häuserwände gedrückt, zurück in unsere Wohnung. Ich ging davon aus, dass ich genug Material für ein Tageswerk erlaufen hatte und als ich zu Hause ankam, fing ich sofort mit dem Schreiben an. Doch schon beim ersten Satz stellte ich verbittert fest, dass der Großteil meiner Erinnerungen mich während des überhasteten Heimweges verlassen und sich wieder im Viertel verloren hat. Wahrscheinlich waren sie nun, so wie ich früher, immer dann, wenn es unerträglich schwer wurde, in die nie schließenden Trinkhallen und Cafés Neuköllns geflüchtet und wärmten sich auf, weit weg von mir und nicht mehr als ein dünner Hauch an einer Fensterfront, bereit jeden Moment zu verschwinden, ununterbrochen unterwegs.