Medien, Werkstattbuch, Zettelkasten

It is a day turn’d strangely.

Ich lese „Du sollst dein Leben schreiben – die norwegische Gegenwartsliteratur pendelt zwischen Ich-Sezierung und Welterkundung“ und attestiere dem Autor einen Dachzeilenschaden. Ich lache darüber, dass in Dänemark ernsthaft gefragt wurde, ob sich Literatur eigentlich mit etwas anderem beschäftigen darf als mit der Klimakrise. Wenn es stimmt, dass in Schweden manche die Literatur in der Pflicht sehen, aus den „Lesern“ bessere Menschen zu machen, werde ich solange schwedische Hörbücher produzieren, bis auch das letzte noch lesenden Auge von einem Blinden geöffnet wurde. Und in Norwegen? – fragt der Schreiberling und antwortet prompt: Da schreiben die Autoren mit Begeisterung über sich selbst. Unterste Zeile, oder? Immerhin: Ich weiß nun endlich, wo all die wunderbaren Täter, verwüsteten Opfer und kaputte Kriminalisten dieser Welt verbannt werden. Auf dem Spielplatz vor unserem Haus jammert gerade ein Kind. Mir ist langweilig. Im Fernsehen würde sicher nichts laufen. Handke macht Täter zu Opfern. Debatte um den Nobelpreis für Peter Handke. Wer Handke Kriegstreiber nennt, hat ihn nicht richtig gelesen. Kommentar zum Nobelpreis an Peter Handke. Umgang mit Peter Handke: “Dieses krasse Nebeneinander von Werk und Scheiße” … beim Letztgenannten kitzelt‘s mir ein wenig. Doch verbietet die mir selbstgebildete Meinung das Weiterlesen des Artikels, da man in Deutschland ja bekanntermaßen die Tagesblattblätterei in der unbedingten Pflicht sieht, aus den „Lesern“ bessere Menschen zu machen. Und je besser der Mensch, desto kniffliger die menschgemachten Probleme. Der Verfasser zwinkert in diesem Moment in Richtung Schweden, in der Wohnung über ihm wird gevögelt, auf ARTE läuft eine Dokumentation über Frankenstein, einem Werk, dem – wie allgemein bekannt – folgendes Zitat aus Miltons „Paradise Lost“ vorangestellt ist:

„Ersucht’ ich Dich, O Schöpfer, mich aus Lehm zu einem Menschen zu schaffen? Bat ich Dich, aus ew’ger Nacht mich zu erheben?“

– und passt das nicht alles ganz herrlich in das verfasste Bild vom überambitionierten skandinavischen Autor, der die Verantwortung für sein „Kunstwerk“ – also sein Leben, dass ganz im Gegensatz zu der mir sehr nahstehenden Forderung Nietzsches “Ihr sollt die Dichter eures Lebens sein”, ausschließlich ein be, ab- und nachschreiben dieses kurzen Aufflackerns eines Universums besteht, das gleich nach der Geburt sich schon wieder in einem Zustand des Verglühens befindet (wohl dem, der dieses Glühen an und in sich fühlt) – nicht übernehmen will; die Literatur wird Varianz des vormals „wilden Fremden“, der sich bildet und Satz für Satz zum verzerrten Spiegelbild seines Schöpfers wird; die Frage nach dem Sinn der Erzählung und der Wunsch nach einem intelligenten Gegenüber – all diese angerissenen, zum Teil nur skizzenhaft aufleuchtenden Aspekte der Handke Diskussion weisen auf maßgebliche philosophische und soziologische Fragestellungen hin, die das Heer der Idioten niemals als solche begreifen und die restlichen zwei Prozent niemals beantworten werden. Sie vögeln schon wieder. Ein herrlicher Tag in der Niemandsbucht, nicht?